"RÄDCHEN IM GETRIEBE"

„Ich habe heute Nacht wieder einmal wach gelegen und an Erich gedacht – wie mag es ihm wohl gehen? Dies Lager der höheren Offiziere ist wohl das gefährlichere! Ob sie ihn als tätigen Nazi wohl auch verurteilen werden? Und dabei hat er doch wie all die Tausend anderen anständigen Deutschen nur seine Pflicht getan.

Obwohl Dora ihren Mann klar als tätigen Nazi benennt, reagiert sie mit dem verbreiteten Abwehrmechanismus, er sei nur einer unter vielen gewesen. Der maßgebliche Anteil all jener „anständigen“ Deutschen zur Stabilität des NS-Regimes wird ebenso verschwiegen wie ihr eigener ideologischer Beitrag.

"ZU HÖHEREM BERUFEN"

„Und trotz allem – solange der Führer lebt, gebe ich die letzte Hoffnung nicht auf. Wenn man die Menschen hier reden hört und einige frech mit roten Bändern rumlaufen, so fragt man sich, ob denn unser Volk wirklich noch nicht reif sei für die große Idee des Nationalsozialismus?“

Trotz der nahenden Niederlage hält Dora an ihrem unbeugsamen Glauben an die überlegene Idee des Nationalsozialismus und einen Sieg Deutschlands fest. Ihre Aussagen zeugen von einem fanatischen Größenwahn, den sie mit vielen ihrer Zeitgenossen teilte.

"PERSONENKULT"

„Ich träume wie in den letzten Nächten fast immer vom Endkampf. Der Führer ist da, noch andere, ich auch, schlage um mich. Ringsrum fallen die Soldaten, den Führer trifft keine Kugel. Sonderbar, denke ich, er muss doch fallen.“

Hier wird der Führerkult und der Mythos um seine Unverwundbarkeit deutlich.
Mit ihrer geträumten Teilnahme am „Endkampf“ zeigt Dora die tiefgehenden
Auswirkungen der Propaganda-Maschinerie und die allgemeine Bereitschaft
zur bedingungslosen Aufopferung.

"ÜBERFREMDUNG"

„Ab 3 Uhr soll es Berechtigungsscheine an Flüchtlinge und arme Leute geben. Ich stehe zwei Stunden, Eckard drei und wir werden um 6 Uhr nach Hause geschickt. Polen und Holländer und alles mögliche Gesindel ist natürlich drangekommen. Bis auf die zwei Stunden putze und schrubbe und wasche ich den ganzen Tag. Ich muss an unser Dienstmädchen Stefania denken.“

Doras gefühlte Demütigung durch ihren sozialen Abstieg wird in dieser Aussage besonders deutlich. Anstatt sich den tatsächlichen Ursachen zu stellen, reagiert sie mit Fremdenfeindlichkeit und Neid.

„Wenn man mal Radio hört, kann es einem übel werden vor Ekel vor all den Schandtaten, die uns jetzt zur Last gelegt werden und vor faustdicken Lügen und Verdrehungen. Am besten, man hört nichts davon. Unserem Schicksal, das uns bestimmt ist, entgehen wir doch nicht. Gnädig wird es bestimmt nicht sein.“

Wie Millionen andere Deutsche hat auch Dora ihre Augen vor den Tatsachen verschlossen und die Verantwortung der Deutschen für die national-sozialistischen Verbrechen geleugnet.

"LÜGENPRESSE"

"Tagebuch von März 45 bis März 46 - Für meine Kinder in späteren Jahren oder nach meinem Tode zu lesen. Gesiegelt 15.1.51 D.F."

"Siegel abgenommen und nochmal durchgelesen. Ich hatte schon daran gedacht, das ganze Heft zu vernichten, lasse es nun aber doch. Mögen die Kinder es lesen. 25.10.66 D.F."

Beschriftung des versiegelten Umschlags, in welchem die drei als Tagebuch verwendeten Vokabelhefte von Dora aufbewahrt wurden.

Audio-Tagebuch

Länge: 16:41 Min.

Ausgewählte Einträge des Tagebuchs mit Meldungen der

"Hessischen Post" - wöchentlich herausgegebene Zeitung

der amerikanischen Besatzung im Gebiet Kurhessen

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